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Das Arbeitszeugnis - Was zwischen den Zeilen steht

22 Juni 2011 20:11 von MAWA

Das Arbeitszeugnis - Was zwischen den Zeilen stehtDas Arbeitszeugnis – Was zwischen den Zeilen steht

Arbeitszeugnisse sind bei Bewerbungen wichtig und viele neue Arbeitgeber möchten diese gerne vorliegen haben. Ihr habt euch doch sicher auch schon einmal gefragt, was ein gutes Arbeitszeugnis eigentlich ausmacht und was in diesen Zeugnissen wirklich drinsteht. Auf den ersten Blick erscheinen vor allem für ungeübte Leser alle Formulierungen positiv. Deshalb solltet ihr auch als Arbeitnehmer verstehen, was genau hinter den Formulierungen steckt, denn in einem vermeintlich guten Arbeitszeugnis kann viel Kritik stecken. Und mit ein bisschen Wissen benötigt man keine Übersetzungsagentur, um zu verstehen was im Arbeitszeugnis wirklich steht.

In einem einfachen Arbeitszeugnis sind Personalien, Dauer der Beschäftigung und eine wertfreie Aufschlüsslung der übertragenen Arbeiten festgehalten. Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis zeichnet sich darüber hinaus durch eine Beurteilung der erbrachten Leistung und der Führung in der Firma aus. In diesem Arbeitszeugnis können sich bis zu 13 Bewertungen/Noten finden. Im ersten Teil geht es um die Beurteilung der Arbeit. Es werden Motivation beziehungsweise Arbeitsbereitschaft, die Fähigkeiten, die Kenntnisse, die Arbeitsweise und der Erfolg bewertet. Wenn es besondere Erfolge und Errungenschaften gibt, werden diese ebenfalls erwähnt. Bei Führungskräften kommen dann noch Führungsqualitäten, wie zum Beispiel Motivation der Mitarbeiter hinzu. Abschließend wird eine Gesamteinschätzung der Arbeitsleistung vorgenommen.

In einem zweiten Teil wird das Verhalten eingeschätzt. Hier wird eine Unterteilung zwischen dem Verhalten zu Personen innerhalb des Betriebes, also zu den Vorgesetzten und Kollegen, und außerhalb des Betriebes, zu Kunden und Geschäftspartnern, unterschieden. Dann folgt eine Einschätzung des sonstigen Verhaltens, hinter dieser Bezeichnung können sich Einschätzungen zur Loyalität, Verhandlungsstärke oder auch Ehrlichkeit bei Berufen mit Geldverkehr verbergen. Auch in den abschließenden Dankesformeln und den Zukunfts- und Erfolgswünschen, die nach dem neutral dargestellten Grund des Beschäftigungsendes stehen, sind Bewertungen enthalten.
Den Unterschied zwischen den einzelnen Noten in der Bewertung machen die Adjektive und Adverbien, mit denen die Arbeitsleistung bewertet wird. Auf diese müsst ihr achten, wenn ihr eure Bewertungen in Noten umwandeln wollt. Folgendes Beispiel an einem oft verwendeten Standardsatz zur Gesamteinschätzung der Arbeitsleistung soll euch verdeutlichen, wie die Noten in Arbeitszeugnissen ausgedrückt werden.

"Er/Sie führte alle Aufgaben zu unserer Zufriedenheit aus." Das klingt erst einmal positiv. Ihr habt also gemacht, was ihr solltet und alles ist in Ordnung- weit gefehlt. So drückt der Arbeitgeber die Note 4 aus, was nicht unbedingt schmeichelhaft ist.
"Er/Sie führte alle Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit aus." Dies bedeutet übersetzt die Note 3.
"Er/Sie führte alle Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit aus." Hier bekommt ihr die Note 2.
"Er/Sie führte alle Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit aus." Nur hier ist der Chef wirklich mit euch zufrieden gewesen und gibt euch die Note 1.

Dieses Prinzip könnt ihr bei allen Bewertungen erkennen. Wenn die Bewertungen gut sind, werden Adverbien wie stets, sehr, immer, jederzeit usw. und Adjektive wie voll, hoch, überdurchschnittlich, groß usw. verwendet. Stellt ein Arbeitgeber euch ein sehr schlechtes Zeugnis aus, könnt ihr das daran erkennen, dass Adjektive und Adverbien mit abwertender Bedeutung benutzt werden.

"Er/ Sie führte alle Aufgaben in der Regel zu unserer Zufriedenheit aus." Hier habt ihr die Note 5 bekommen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht wie eine vernichtende Kritik aussieht. Hinter Formulierungen mit den Wendungen "in der Regel", "im Großen und Ganzen", "im Allgemeinen" oder auch "er/sie war bemüht" verbergen die Arbeitgeber immer die schlechte Note.
Dieses Bewertungsprinzip gilt auch für die oben aufgeführten Einzelleistungen.
"Er/Sie war im Allgemeinen engagiert." = Note 5
"Er/Sie zeigte auch Motivation und Initiative." = Note 4
"Er/Sie zeigte eine gute Arbeitsmotivation." = Note 3
"Er/Sie war immer hoch motiviert und engagiert." = Note 2
"Er/Sie war immer äußerst motiviert und engagiert." = Note 1

Diese Beispiele sollen euch helfen, besser zu verstehen, welche Noten hinter den einzelnen Bewertungen stecken. Der Zeugnisschreiber muss also auch einige Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Wenn ihr eure Arbeitszeugnisse bekommt, solltet ihr sie ganz genau lesen.

In einigen Arbeitszeugnissen stimmt die Beurteilung nicht mit der tatsächlich gezeigten Leistung überein. Dies passiert häufiger, wenn der Arbeitnehmer das Unternehmen von sich aus verlässt. Eine schlechte Beurteilung kann darin begründet liegen, dass der Arbeitgeber verärgert ist, weil ihr das Unternehmen verlasst und euch bei einem anderen Unternehmen, also der Konkurrenz, bewerbt. Ein schlechtes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist auch nicht gerade förderlich für ein gutes Zeugnis. Es kann auch passieren, dass der Arbeitgeber beim Schreiben des Zeugnisses einen Vergleich zu anderen Arbeitnehmern gezogen hat, obwohl Leistungen und Qualifikationen sich nicht vergleichen lassen. Einige Arbeitgeber wollen einfach nur ein informatives und differenziertes Zeugnis ausstellen und nicht in Lobhudelei verfallen.

Häufig ist aber auch das Gegenteil der Fall, dass die Bewertung für die eigentlichen Leistungen zu gut ist. Viele Arbeitnehmer drohen mit Klage, wenn das Arbeitszeugnis nicht positiv ausfällt. Es gibt im Bereich Arbeitsrecht von Hamburg bis München unzählige, darauf spezialisierte Anwälte.  Da die Arbeitgeber in der Regel keine Zeit und auch kein Geld für solche für ihn sinnlosen Gerichtsstreitigkeiten haben, stellen sie dann ein falsches gutes Zeugnis aus. Es kann auch passieren, dass Arbeitnehmer auf Grund von einer schlechten Auftragslage gekündigt werden. Viele Arbeitgeber sind dann der Meinung, dass ein gutes Arbeitszeugnis das mindeste sei, was man für den Arbeitnehmer dann tun kann.

Die diversen Gründe für ein Arbeitszeugnis, welches die erbrachten Leistungen nicht angemessen bewertet, sind allen Arbeitgebern bekannt. Aus diesem Grund gibt es ja die Probezeit, in der man sich beweisen kann. Deshalb ist es fraglich, ob man mit einem Arbeitszeugnis, in dem die Leistungen zu gut bewertet werden, im Berufsleben wirklich weiter kommt.

Bildquelle: Gerd Altmann / pixelio.de
www.pixelio.de

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